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Judith Usbeck, Jahrgang 1986, zog 2016 nach Lütten Klein
@Tom (Redaktion "Stadtgespräche") . . 02. Sep 2026

Ich komme ursprünglich aus Südthüringen und habe in Jena studiert. 2016 beendete ich mein Studium und ging auf Jobsuche, zunächst in Mitteldeutschland und mit wenig Erfolg. Also schaute ich weiter in Richtung Norden, den ich aus meiner FSJ-Zeit [Anm. Red.: Freiwilliges Soziales Jahr] schon ein bisschen kannte. Damals hatte ich, gleich nach meinem Abi im Jahr 2005, am Staatstheater Schwerin gearbeitet. Ich fand eine Stellenausschreibung, die mich interessierte, in dem Projekt, in dem ich bis heute und damit schon seit zehn Jahren arbeite. Ich bewarb mich, wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen und bekam schon während dieses Gesprächs eine Zusage. Meine spätere Chefin wollte, dass ich gleich am darauffolgenden Montag anfing – das Gespräch fand an einem Donnerstag statt. Ich sagte: „Moment, ich muss mir ja noch eine Wohnung suchen.“ So konnte ich ein bisschen mehr Zeit aushandeln, immerhin eine Woche.

Erstmal wohnte ich dann einige Wochen zur Zwischenmiete in der KTV. In dieser Zeit besichtigte ich eine Wohnung nach der anderen. Dabei suchte ich natürlich in den bezahlbaren Stadtteilen, die nicht allzu weit von meinem Arbeitsort Warnemünde entfernt lagen. Lütten Klein sprach mich gleich an. Ich weiß noch, dass ich beim Rundgang durch den Stadtteil feststellte, wie grün es hier ist. Außerdem ist Lütten Klein gut an den ÖPNV angebunden, hat den Boulevard und den Warnowpark. Das waren dann neben der bezahlbaren Miete die Hauptargumente für den Stadtteil. Ein weiterer Vorteil war, dass meine Wohnung schon eine Küche hatte. So konnte ich, zumal handwerklich nicht sehr begabt, schnell und unkompliziert einziehen. Als ich die Wohnung besichtigte, schaute ich aus dem Fenster und war von Grün umgeben. Das erinnerte mich auf sehr schöne Weise an meine Heimat im Thüringer Wald und war ganz anders als die Platten-Tristesse, die man vielleicht hätte erwarten können. Das erzähle ich allen, die mich mitleidig anschauen, wenn ich erzähle, dass ich in Lütten Klein wohne, im „Plattenbau“. Hier ist es erstaunlich grün, zu Fuß oder mit dem Fahrrad ist man ganz schnell auf den Feldern oder an der Ostsee. Auch deshalb verstehe ich den ganzen Hate gegen Lütten Klein nicht. Man wohnt hier wirklich ruhig, auch wenn Rostock eine große Stadt ist, in meiner Wohnung hört man nur wenige Verkehrsgeräusche.

Inzwischen bin ich hier richtig angekommen, natürlich auch wegen meines Berufs, einfach weil es so eine schöne, erfüllende und abwechslungsreiche Arbeit ist. Ich bin Projektleiterin eines Mentoringprogrammes für Frauen in Führungspositionen. Dabei begleiten wir Frauen aus der Wirtschaft bei ihrem beruflichen Aufstieg und in ihrer persönlichen Entwicklung. Außerdem bin ich seit kurzem Theaterbotschafterin für Lütten Klein. Das war für mich so ein Full-Circle-Moment. Irgendwie schloss sich dadurch der Kreis. Schließlich habe ich am Staatstheater Schwerin meine Liebe zu Mecklenburg-Vorpommern entdeckt. Ich hatte dort eine fantastische Zeit, mit der mich viele schöne Erinnerungen verbinden. Als ich den Aufruf sah, zögerte ich zunächst, weil ich mit vielen anderen Bewerbern rechnete. Aber am Ende gab es die gar nicht und die Wahl fiel auf mich. Ich sagte sofort ja. Aktuell organisiere ich die erste Lütten Kleiner Theater(Tram)Expedition: Wir fahren mit der Straßenbahn gemeinsam zu einer Vorstellung. Darauf freue ich mich, weil ich sicher nochmal andere Menschen kennenlerne. Ich bin sehr gespannt, wie viele Menschen teilnehmen werden.

Auch darüber hinaus habe ich eine ganze Reihe Ideen, was ich gern im Stadtteil organisieren würde. Gleichzeitig muss ich natürlich schauen, was realistisch ist und wie viel Zeit ich dafür wirklich aufbringen kann. Beispielsweise würde ich gern Müllsammelaktionen in Lütten Klein organisieren, weil mich immer aufregt, wie viel Müll an einigen Stellen herumliegt. Wir haben es wirklich schön hier und könnten noch mehr dafür sorgen, dass es so bleibt, finde ich. Während der Corona-Pandemie habe ich viel im Homeoffice gearbeitet und ging in den Pausen häufig im Park spazieren. Damals habe ich auf meinen Runden oft Müll gesammelt, gerade so zur Frühjahrszeit. Was ich da rausgeholt habe!

Der Warnow Park war, als ich 2016 herzog, ein karger, fast lebloser Ort. Ich finde enorm, was Frank Middendorf als Center-Manager, gemeinsam mit dem Stadtteil, den ganzen Menschen hier, dort seitdem auf die Beine gestellt hat. Inzwischen ist der Park auf ganz neue Weise lebendig. An diesem Beispiel kann man sehen, was möglich ist, wenn ein Mensch sich mit Herzblut und Leidenschaft engagiert. Solche produktive und positive Energie wünsche ich mir öfter, ein Engagement für und nicht gegen den Stadtteil. Wenn es weniger Vandalismus geben würde, hätte Lütten Klein vermutlich viel mehr Strahlkraft, weit über den eigenen Stadtteil hinaus. Es gibt eine Menge Potenzial. Vieles wurde neugestaltet, etwa der Sportplatz und die Sporthalle in der Kopenhagener Straße. Und es gibt so viele schöne kleine Ecken, die es zu entdecken lohnt, etwa das Fischerdorf oder den Lichtenhäger Park, beide in unmittelbarer Nähe. Ich gehe dort manchmal Vögel beobachten. Neulich habe ich einen Eisvogel gesehen, einen dieser kleinen Schätze. Es war im Januar, richtig kalt, aber ein schöner Tag mit Schnee. Ich hörte diesen typischen Pfeifton und wusste gleich: Der Eisvogel ist wieder da. Ich hatte ihn vorher nur ein- oder zweimal kurz gesehen und war ganz aufgeregt, weil das so selten möglich ist. Dann ist er umhergeflogen, hat im Licht geschimmert – ja, er schillert dann richtig. Traumhaft. Außer mir war noch eine andere Frau dort, die ihn auch sah und sich darüber freute. Das war ein wirklich schöner Moment.


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