@Tom (Redaktion "Stadtgespräche") .
. 02. Sep 2026
Ich bin vor zwanzig Jahren aus der Ukraine nach Deutschland gekommen, nachdem ich in meiner Heimat meinen späteren Mann kennengelernt hatte, der aus Deutschland kam. Wir heirateten und ich zog zu ihm nach Deutschland, das mir aber keineswegs fremd war: Meine Familie hat deutsche Wurzeln, ich selbst sprach gut Deutsch. Außerdem war meine Tante als Spätaussiedlerin nach Deutschland gekommen, ich hatte hier also Verwandte.
Mein Mann und ich waren damals beide schon über vierzig. Er war alleinerziehender Vater von zwei Töchtern, ich hatte einen vierzehnjährigen Sohn. Mein Mann hatte damals bereits eine Wohnung in Lütten Klein, nun beantragte er eine größere. Die bekamen wir dann auch recht unkompliziert. Aus meiner Sicht ist Lütten Klein ist ein sehr guter Stadtteil: gute Lage, Ärztehaus und Geschäfte in der Nähe, eine gute Straßenbahn- und Busanbindung. Rostock ist insgesamt eine sehr grüne Stadt. Wir wohnen wirklich da, wo andere Urlaub machen. Hier in Lütten Klein gibt es schöne Parks zum Spazierengehen und auch der IGA-Park ist ganz in der Nähe.
Außerdem gefällt mir das Haus sehr gut, in dem wir nun schon seit vielen Jahren leben. Wir sind mit einigen der Nachbarn sehr vertraut, ich kann dort meinen Schlüssel lassen oder habe ihren. Gleichzeitig gibt es auch neue Mieter, die kommen und gehen. Man kennt sie gar nicht. Die älteren Einwohner schon, auch die, die in den umliegenden Häusern wohnen. Wenn ich einkaufen gehe, treffe ich fast immer jemanden.
Seit 2019 haben wir einen Garten in der Gartenanlage „Helsinki“. Sie liegt ganz hier in der Nähe, mit dem Fahrrad sind wir in zehn Minuten dort, zu Fuß in einer halben Stunde. Auch dort haben wir gute Nachbarn: Man passt aufeinander auf, stört sich aber nicht unnötig. Anders gesagt: Man geht nicht auf andere Grundstücke, schaut aber ab und an, ob dort alles in Ordnung ist.
Mein Sohn, der inzwischen erwachsen ist, wohnt jetzt in der früheren Wohnung meiner Tante, im Nachbarhaus. Sie selbst ist mit über achtzig in eine Wohnung unten in unserem Haus gezogen, damit wir uns besser um sie kümmern können. Und auch eine Tochter meines Mannes wohnt in Lütten Klein, die andere lebt in Hamburg. Ich finde es schön, ganz in der Nähe meiner Kinder und Enkel zu leben. Was ist das für eine Oma, die die Kinder nur einmal in zwei Jahren sehen? Ich sehe meine Enkel mehrmals in der Woche und habe zu den Kindern viel Kontakt. Wir helfen im Garten meiner Schwiegertochter, feiern gemeinsam, treffen uns im Sommer in einem der Gärten, im Winter zu Hause oder in der „Peking-Ente“, wenn wir mehr Personen sind. Dort kann man gut auch mit kleinen Kindern hingehen.
Als ich damals neu hierherkam, war ich erstmal froh, noch keine Arbeit zu haben. Es war ein neues Land, alles war neu. Ich musste mich erstmal zurechtfinden. Aber nach einiger Zeit fiel mir dann die Decke auf den Kopf. Ich hatte in der Ukraine immer gearbeitet, immerhin schon 28 Jahre lang. Also nahm ich einen 1-Euro-Job im benachbarten Kindergarten an. Als der endete, arbeitete ich dort ehrenamtlich weiter. Mehr war nicht möglich, denn ich hatte zwar eine pädagogische Ausbildung, doch diese wurde in Deutschland nicht anerkannt. Und mit 45 Jahren war ich für ein weiteres Studium einfach schon zu alt. Ich erfuhr zufällig von einem Kurs für Altenbetreuung, nahm daran teil und arbeitete dann als Betreuerin in der Tagespflege. Das war sehr schön. Ich war Teil eines guten Teams und sehr zufrieden. Aber am Ende reichte meine Qualifikation nicht aus. Ich durfte manche Arbeiten nicht machen, weil ich keinen Abschluss als Pflegekraft hatte. Also saß ich wieder ohne Arbeit zuhause, das gefiel mir gar nicht.
Während der Corona-Zeit konnte ich dann zwei Jahre Bundesfreiwilligendienst machen, wieder hier im Kindergarten. Danach blieb ich dort. Ich arbeite zum Teil bezahlt, aber sonst ehrenamtlich. Ich habe dem Team vorgeschlagen, dass wir mit unseren Nähmaschinen Kleidung ausbessern. Seit wir das anbieten, kommen Frauen, oft aber auch Jugendliche, hierher und tun dies unter unserer Anleitung. Reparieren statt wegwerfen, das ist weniger teuer und besser für die Umwelt.
Außerdem unterstütze ich Frauen, die aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind, beispielsweise aus Syrien, Indien und dem Jemen. Viele Nationalitäten, viele andere Sprachen. Und viele von ihnen haben nicht lesen und schreiben gelernt, einfach weil sie nicht die Chance dazu bekamen. Deshalb fallen ihnen auch die offiziellen Sprachkurse so schwer. Ich unterstütze sie beim Deutschlernen, aber auch bei Alltags- und Behördendingen, so dass sie sich besser im Alltag zurechtfinden. Für viele ist es zum Beispiel schwierig zu telefonieren, um etwas zu bestellen oder einen Termin beim Arzt zu machen. Dann helfe ich, in Ruhe, ohne Stress. Die Sprache lernen wir in kleinen Gruppen, nur zwei bis drei statt den fünfzehn oder mehr Leuten im Sprachkurs. Das ist viel persönlicher. Die Frauen können einfach Fragen zu Alltagsdingen stellen, zum Beispiel, was die Erzieherin meint, wenn sie sagt: „Bitte bringen Sie eine Matschhose mit.“ Oder was das Kind zum Geburtstag mit in den Kindergarten bringen sollte. Solche Dinge stehen eben nicht in Büchern, da braucht man jemanden, den man fragen kann. Mir selbst ist durch diese Arbeit noch einmal klarer geworden, dass etwas nicht schlecht sein muss, nur weil man es nicht versteht. Sich in einer anderen Kultur zurechtzufinden, würde jedem schwerfallen, wenn er in ein anderes Land käme. Ich selbst war nach meiner Ankunft hier beispielsweise verwundert, dass es in der Kita keine nach Alter getrennten Gruppen gibt. Einer krabbelt, einer fährt Fahrrad. Was ist denn, wenn sie sich verletzen? Aber bis heute ist nie etwas passiert.
Manchmal verbringen die Frauen und ich auch einfach eine schöne Zeit zusammen. Jede bringt einen Beitrag zum Frühstück mit, wir gehen gemeinsam in den IGA-Park oder feiern zusammen. Das hier ist einfach ein Treffpunkt ganz in der Nähe des Kindergartens, der den Frauen Sicherheit gibt.





Ihr Kommentar