@Tom (Redaktion "Stadtgespräche") .
. 02. Sep 2026
Ich wurde in Ostfriesland geboren. Meine Familie hat nach meiner Geburt noch zwei Jahre in Schleswig-Holstein gewohnt, ehe wir dann hierhergezogen sind. Meine ersten Erinnerungen sind die Spielplatznachmittage in der Binzer Straße mit Freunden aus der Nachbarschaft. Wir waren oft gemeinsam unterwegs und sehr oft auf diesem Spielplatz. Dort haben wir dann beispielsweise Verstecken gespielt, erstmal nur im näheren Umkreis. Als wir älter wurden, durften wir dann auch zu anderen Spielplätzen, die weiter entfernt waren. In dieser Zeit fand ich eine richtig gute Freundin, die im gleichen Block wie ich wohnte, zwei Häuser weiter. Wir haben bis heute Kontakt, wenn auch nicht mehr so regelmäßig. Damals zogen wir regelmäßig durch Lütten Klein, fuhren mit dem Fahrrad irgendwo hin. Es gab hier in dieser Zeit nicht so viele Kinder. In unserem Block waren es vielleicht zwei pro Hauseingang, darunter auch ältere, oft sogar schon Jugendliche. Es gab also relativ wenige in meinem Alter. Je älter wir wurden, desto größer war das Gebiet, in dem wir unterwegs waren. Bald durften wir auch über die Warnowallee, um den Spielplatz in der Stockholmer Straße und das Fischerdorf zu erkunden.
Ich besuchte damals die Kita „Lütt Kinnerhus“. Ich erinnere mich vor allem an eine Erzieherin, mit der ich heute noch ab und an in Kontakt bin. Wir schreiben uns immer mal ein paar Nachrichten. Bei ihr habe ich auch meine ersten Praktika gemacht. Als Kind war ich einfach nur fasziniert von ihr, weil sie so viel konnte. Singen, Gitarre spielen, Sport machen. Wir haben wirklich viel unternommen und ich habe in dieser Zeit viel gelernt. Sie war wohl einer der Gründe, warum ich selbst irgendwann Erzieher werden wollte.
2005 wurde ich eingeschult. Meine Grundschule befand sich noch in dem alten Gebäude, das so ähnlich aussah wie das heutige Förderzentrum. Es stammte noch aus DDR-Zeiten und war so marode, dass es reinregnete. Wenige Jahre später wurde es abgerissen. Als ich in der dritten Klasse war, haben sie das gelbe Haus gebaut und wir zogen in das erste Haus der jetzigen Grundschule „Lütt Matten“ um. Insgesamt habe ich allerdings fast gar keine guten Erinnerungen an meine Grundschule. Die Zeit dort war sehr, sehr negativ belastet. Bald nach meiner Einschulung begann ich, meine Freizeit im Roten Haus zu verbringen. Ich war eigentlich ständig hier. Ich hatte zwar einen Hortplatz, aber schon bald wollte ich dort nicht mehr hin, lieber hierher. Ich habe hier meine Zeit verbracht und Annett (Anm. d. Red.: Annett Berger, Mitarbeiterin des Mehrgenerationenhauses INVIA) hat mich schon relativ früh in den Kinderortsbeirat geholt. Da hatte ich dann eine feste Aufgabe. Ich fand gut, dass wir wirklich mitentscheiden durften, wie der Spielplatz in der Stockholmer Straße zukünftig aussehen sollte. Damals hatten wir beispielsweise Besuch vom Amt für Stadtgrün, fuhren aber auch in die Verwaltung und sogar ins Rathaus, um uns mit dem Oberbürgermeister zu treffen. Als wir mit dem Bus zu einem der Treffen fuhren, nahm ich mir extra Heft und Kugelschreiber mit, weil ich auch ganz cool sein und mir Dinge aufschreiben wollte. Leider fiel mir das Heft während der Busfahrt aus dem Fenster und dann konnte ich mir am Ende gar nichts mitschreiben. Ja, das war traurig. Aber ansonsten fand ich toll, dass damals, ich muss sieben oder acht gewesen sein, schon beachtet wurde, was wir haben wollten. Dass wir da mitreden durften, steht auch auf einem Schild auf dem Spielplatz. Bei der Eröffnung waren wir auch dabei. Die Spielplatzpatenschaft, die danach begann, war uns dann auch wichtig. Wir fuhren gemeinsam mit Annett regelmäßig auf den Platz, sammelten dort Müll und räumten auch auf.
Als 2013 meine beiden Schwestern auszogen, wurde die 4-Raum-Wohnung zu groß, in der wir bis dahin gelebt hatten. Wir zogen nach Groß Klein, auch weil es dort eine Wohnküche gab, wie meine Mutter sie sich wünschte. Ich bekam zwar ein großes Zimmer, aber meine Freunde waren hier und meine Freizeit habe ich trotzdem immer nur hier verbracht. Meinen Mittlere-Reife-Abschluss habe ich in Lichtenhagen gemacht, weil meine beiden Eltern und Geschwister da auch schon zur Schule gegangen waren und ich blieb über all die Zeit hier im Roten Haus. Natürlich merkten wir irgendwann, dass wir eigentlich schon zu alt waren, um hier im Jugendtreff zu sein. Dann haben wir uns als Kumpels, zu viert, einen Garten gepachtet. 2018 ergab sich die Gelegenheit. Inzwischen sind wir nur noch zu dritt, das ist aber auch nicht schlimm. Mit dem Vorstand des Gartenvereins lief es von Beginn an relativ gut, aber die Leute aus den anderen Gärten haben uns ganz schön böse angeschaut, als wir damals anfingen. Wir waren hier die einzigen Jungen. Wir haben dann gezeigt, was wir können und was wir wollen und allmählich verstanden wir uns mit den Gartennachbarn ganz gut. Wir haben auch vielen unsere Hilfe angeboten. Das machen wir immer noch, gerade weil die ältere Generation oft doch nicht mehr so kann. Wir haben in anderen Gärten geholfen, aber auch mal jemanden mit in die Stadt genommen. Im Gegenzug bekamen wir auch mal Pflanzen, beispielsweise Tomaten zum Anziehen. Wir sind auch immer greifbar für den Verein. Wenn irgendwas gemacht werden muss, an den Wochenenden oder zu Arbeitseinsätzen, melden wir uns. Insgesamt sind wir viel in diesem Garten, aber trotzdem ist das Rote Haus immer eine wichtige Anlaufstelle geblieben. Man wusste, wo man hinkommen kann, egal was man hat, familiär, aber auch andere Dinge. Ehrenamtlich haben wir hier auch immer noch viel gemacht.
Dann habe ich meine Ausbildung zum Erzieher gemacht. Da es eine schulische Ausbildung war, musste ich dafür BAFöG beantragen. Das sorgte zuhause für ziemliche Reibereien, weil ich zwar schon arbeitete, aber dafür noch kein Geld bekam. Die Schule kostete Geld und man möchte trotzdem irgendwie am Leben teilhaben. Aber am Ende habe ich das ganz gut hinbekommen. Einen Job hatte ich schon sicher, ehe ich die Ausbildung überhaupt begann: In der Kita, in der ich selber Kindergartenkind war. Ich machte dann dort mein Prüfungspraktikum, unterschrieb eine Woche später meinen Arbeitsvertrag und arbeitete dann sechs Jahre dort. Im Oktober 2024 wurde mir dann die Stelle hier im Kinder- und Jugendtreff vom Roten Haus angeboten. Seitdem bin ich hier und bereue keine einzige Sekunde, mich für diese Arbeit entschieden zu haben. Ist ein verdammt tolles und vor allem professionelles Team, egal wie stressig das hier im Haus manchmal ist. Alle sind auf Augenhöhe miteinander. Außerdem merkt man, dass es ein Mehrgenerationenhaus ist. So kommen auch bei uns im Jugendtreff immer mal Senioren vorbei, die eine Frage haben, etwas brauchen. In so einem Moment sind dann auch wir die Berater, obwohl das überhaupt eigentlich gar nicht unsere Hauptaufgabe ist. Ich mag die Menschen, die zu uns ins Haus kommen. Wir haben hier in Lütten Klein auch das Glück, dass die Kinder hier sehr, sehr, sehr, sehr dankbar sind. Auf unsere Großen kann man sich unglaublich gut verlassen. Wenn es irgendwo mal brennt, packen die mit an.
Als ich 2019 mit meiner Ausbildung fertig war, bekam ich gleich meine eigene Wohnung, hier in der Osloer Straße. Dort habe ich dann bis März 2024 gewohnt. Danach zogen meine Freundin und ich, ziemlich spontan übrigens, nach Nienhagen. Das waren erstmal Welten, also zwischen dem kleinen Ostseebad und hier. Nienhagen ist ein schöner, ruhiger, kleiner Ort. Es liegt direkt an der Ostsee, auch wenn man das leider viel zu wenig nutzt. Aber am Ende gab es einige Schwierigkeiten mit der Wohnung und irgendwie hat mir Lütten Klein gefehlt. Außerdem musste ich immer darüber nachdenken, wie ich am Wochenende nach Hause komme, die Busverbindung am Samstag und Sonntag ist echt blöd. Und alle meine Freunde waren hier, in Lütten Klein. Ich fühlte mich irgendwie zu abgeschnitten. Also sind wir dieses Jahr zurück nach Lütten Klein gezogen, in eine neu modernisierte Vierraumwohnung im Haus meiner besten Freundin. Das ist jetzt das kleine Highlight. Meine beste Freundin hat eine Tochter, um die wir uns ab und an kümmern, damit sie sich mal ausruhen kann.
Was jetzt noch fehlt, ist das „18107“ auf meinem Bein. Ich möchte mich gerne tätowieren lassen, und damit ein Statement setzen, für meinen Stadtteil. Ich kann mir mein Leben ohne Lütten Klein gar nicht vorstellen. Sehr viele Leute mögen eher die Innenstadt, das geht mir nicht so: Ich mag mein Lütten Klein. Ich habe hier alles, was ich möchte. Ich habe Bus, Bahn, S-Bahn, Einkaufsläden ohne Ende. Wir haben hier viele Supermärkte und das große EDEKA-Center, da kriegt man vom Schlüpper bis Käse alles. Alle Ärzte hat man hier auch und mehrere Grund- und Regionalschulen. Das Einzige, was Lütten Klein fehlt, ist eine weiterführende Schule. Derzeit gibt es nur das Erasmus-Gymnasium. Also warum sollte ich hier weg?





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