@Tom (Redaktion "Stadtgespräche") .
. 02. Sep 2026
Bevor wir hierherzogen, hatten wir erst eine Wohnung in der Lübecker Straße, danach, ab 1978, eine Wohnung bei der Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) in Schmarl. Die AWG-Genossenschaftsanteile konnten wir einzahlen, statt Aufbaustunden zu leisten, weil mein Mann als Tischler gut verdiente. Ich selbst habe erst im VEG Bandelstorf (Anm. Red. VEG= volkseigenes Gut) gearbeitet, das war mein erster Arbeitgeber. Dort war ich Vorsitzende der Frauenkommission, so ein Engagement gehörte damals irgendwie dazu. Nachdem ich später zur LPG Elmenhorst gewechselt war, machte ich verschiedene Schulungen und wurde dann auch wieder Mitglied der Frauenkommission. Da waren wir immer am Ball, haben gehört, was notwendig ist. Man ist dadurch ja nicht dümmer geworden. Das habe ich für unsere Frauen gemacht, habe immer versucht, anderen zu helfen, immer geschaut, was machbar ist. Natürlich hat es nicht immer geklappt. Später war ich bei der LPG Elmenhorst auch im Vorstand, habe dort für unsere Mitglieder mit den Wohnungsgenossenschaften verhandelt und immer wieder auch Wohnungstausche organisiert. 1989 tat ich das dann auch für uns selbst, im LPG-Büro, das damals am Ende von Lütten Klein lag. Dort arbeitete ich und wollte unbedingt in diesen Stadtteil ziehen, damit mein Arbeitsweg kürzer wird. Mein Mann dagegen wollte überhaupt nicht nach Lütten Klein. Es gefiel ihm erst nicht, er empfand es als Schlafstadt. „Was wollen wir da?“, hat er mich immer gefragt. Als wir dann in unsere Wohnung in der Osloer Straße einzogen, kam meine Verwandtschaft mit zwei Autos aus Brandenburg angereist, um zu helfen. Mein Mann kam erst abends, hat nicht mit angefasst, weil er so partout gegen diesen Umzug war. Später hat er sich dann aber gut hier eingelebt. Eigentlich ging es bei uns beiden ganz schnell, wir haben erstmal alles durchforstet, herausgefunden, wo es hier was gibt und was man braucht. Damals gab es den Boulevard noch nicht, aber mehrere Kaufhallen und das große Magnetkaufhaus. Und für mehr Einkauf hatte ich gar keine Zeit: In der Woche arbeitete ich von morgens bis abends, am Wochenende stand der Haushalt an und später auch der Garten, den wir nach unserem Umzug kauften.
Meine Tochter war damals schon fast mit der Schule fertig, also blieb sie bis zum Abschluss auf ihrer alten Schule in Schmarl. Aber auch mein Sohn, damals in der neunten oder zehnten Klasse, wollte nicht wechseln. Also lief er jeden Tag von der Osloer Straße aus rüber nach Schmarl.
Dort, in der alten Wohnung, hatten wir eine richtig gute Hausgemeinschaft. Das war in Lütten Klein anders, hier kam ich als Neuling dazu, aber eigentlich habe ich dann nichts vermisst. Als wir damals einzogen, lebten hier viele, die älter waren als wir. Inzwischen bin ich fast die Älteste in unserem Aufgang. Die Mieter kommen und gehen, wohl auch, weil hier viele Studenten wohnen. Manche Wechsel bekommt man gar nicht so recht mit. Ich stehe auch nicht den ganzen Tag am Fenster oder an der Tür, aber ich bin auch Annahmestelle für Pakete. Wenn dann die neuen Leute zum Abholen kommen, dann sage ich: „Ach das sind Sie! Wie nett, dass ich Sie mal kennenlerne.“ Und die sind froh, dass jemand ihre Pakete annimmt. Es gibt hier keine richtigen Poststellen mehr. Die Paketzusteller kennen mich schon vom Sehen, klingeln meistens ohnehin bei mir und sind froh, dass sie nicht bis nach oben laufen müssen.
Vor einigen Jahren wohnte in der Wohnung unter mir eine armenische Familie, mit der ich eigentlich gut auskam. Wir tranken immer mal zusammen Kaffee. Aber dann zogen sie zu ihren Kindern nach Spanien, ohne sich abzumelden. Das fiel erst auf, als ich die WIRO darauf aufmerksam machte. Als dann klar war, dass die Wohnung frei ist, habe ich sofort an die WIRO geschrieben, dass ich die Wohnung haben möchte.
Meine ganze Sippe fragt mich immer wieder, warum ich nicht zurückkomme. Aber mein Mann ist nun schon 27 Jahre tot und ich bin ein bisschen Ruhe gewohnt. Wir sind eine große Familie mit viel Zusammenhalt. Da wäre ich jeden Tag in der Woche irgendwo zu Besuch und so viel Trubel muss ich nicht haben. Hier kann ich die Tür abschließen und es kommt keiner, wenn ich keinen sehen will. Außerdem habe ich hier gleich mehrere Funktionen. Ich bin im Seniorenbeirat Lütten Klein und Vorstandsvorsitzende des Vereins Elements e.V., der jetzt in Bad Doberan sitzt. Und dann gibt es da noch das Info-Büro 60+, die Stadtteilsprechstunde in Lütten Klein. Und ich mache immer noch Kaffeekränzchen für ein paar Leutchen vom Waldemarhof e.V., alle 14 Tage treffen wir uns. Dahin fahre ich auch immer mal mit der Straßenbahn. Wenn ich irgendwann nicht mehr Auto fahren darf oder kann oder will, dann ist es gut, wenn ich das vorher ein bisschen geübt habe. Ich bleibe in Lütten Klein bis zum Schluss, denn ich bin ziemlich gern hier, auch weil ich alle Einkaufsmöglichkeiten und das GDZ (Anmerkung der Redaktion: das Gesundheits- und Dienstleistungszentrum in der Trelleborger Straße) habe – dadurch sind alle Ärzte vor Ort.





Ihr Kommentar