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Carolin Roth, Jg. 1986, ist in Lütten Klein aufgewachsen und engagiert sich schon viele Jahre für ihren Stadtteil
@Tom (Redaktion "Stadtgespräche") . . 02. Sep 2026

Ich wohne seit meiner Geburt in Lütten Klein. Zuerst haben meine Mutti und ich in der Warnowallee gewohnt, später zogen wir in die Nachbarschaft meiner Omi, in die Helsinkier Straße. Meine Mutti war Krankenschwester und arbeitete im Schichtdienst, deshalb ging ich nach dem Kindergarten oder nach der Schule oft zu meiner Omi.

Meine Omi war ein sehr sozialer Mensch. Wir kannten alle Nachbarn, im Haus, aber auch viele in der weiteren Nachbarschaft. Das war für mich als Kind das Schönste überhaupt. Wenn ich mal Langeweile hatte, überlegte ich, bei wem ich einfach mal klingeln konnte und tat das dann auch, ganz spontan. Es gab damals in unserem Umfeld auch deutlich mehr Kinder als heute. Wir waren immer ungefähr dreißig Kinder, die miteinander spielten. Alle kannten sich, es gab einen ausgeprägten Gemeinschaftsgeist, noch bis Ende der 1990er Jahre. In den 2000ern veränderte sich das. Meine Mutter erzählt oft, dass sich schon während meiner Kindergartenzeit immer mehr durchsetzte, dass jedes Kind für sich allein spielen sollte und ich große Probleme mit dieser Umstellung hatte. Ich verstand nicht, warum vorher alle zusammen spielten und Dinge teilten und nun das Prinzip „Der Stärkere gewinnt“ gelten sollte.

Mein Kindergarten war in der Stockholmer Straße, dort, wo jetzt der Spielplatz ist. Meine damalige Schulfreundin wohnte dort, also holten wir sie auf dem Weg zur Kita oft ab. In meinen ersten Schulmonaten gingen die Eltern noch in einem gewissen Abstand hinter den Schulanfängern her und unterhielten sich dabei miteinander. Aber irgendwann, hieß es dann eben: „Kommt, jetzt könnt ihr das allein.“ Wir gingen dann aber immer zu zweit oder sogar zu viert, da alle in der gleichen Gegend wohnten.

Meine Grundschule wurde Anfang der 2000er Jahre abgerissen. Ich weiß noch, dass wir vier Grundschulklassen waren und der Platz in der Schule nicht ausreichte. Deshalb wurden zwei Klassen in der Realschule untergebracht, während die anderen beiden in der Grundschule blieben. In der dritten und vierten Klasse ging ich deswegen in das Gebäude der Haupt- und Realschule hinter dem Erasmus-Gymnasium, da ist jetzt ein Feld. Eigentlich lagen all die Gebäude nah beieinander, aber für mich als Kind war das ein gewaltiger Unterschied. Ab der 5. Klasse ging ich dann aufs Erasmus-Gymnasium, damit begann eine schwere Zeit für mich, ich fühlte mich an der Schule sehr unwohl. Das war der Grund, weshalb ich nach der 11. Klasse auf eigenen Wunsch ans Gymnasium Reutershagen wechselte. Dort erlebte ich dann eine fantastische Zeit. Ich wünschte, ich hätte das früher gemacht. Tolle Lehrer, tolle Mitschüler. Zu einigen habe ich bis heute Kontakt.

Als Jugendliche waren meine Freundin und ich oft im Fischerdorf. Dort lagen wir auf einer Decke, hörten Musik und erzählten. Oder wir waren bei einer von uns zuhause, wir wohnten schließlich im gleichen Hauseingang, nur zwei Wohnungen voneinander entfernt. Damals gab es noch keine Smartphones, also haben wir uns ein eigenes Telefon aus Dosen gebastelt, das funktionierte sogar.

Ich hatte damals auch einen Hund, Nixe. Mit ihr ging ich viel spazieren, durch die Nachbarschaft, auf die Felder oder abends durch das Fischerdorf. Die Fischerhäuser kenne ich aber nur aus meiner Kindheit. Als ich Jugendliche war, waren die schon lange abgebrannt. Durch die Spaziergänge mit meinem Hund habe ich sehr viele nette Leute kennengelernt, das hat mich noch mehr in Lütten Klein verwurzelt.

Außerdem waren wir im Sommer oft am Strand, der ganz in der Nähe liegt oder in der Innenstadt zum Bummeln. Damals war das Pressezentrum ein Highlight für uns, es befand sich noch im Rostocker Hof auf mehreren Etagen. Dort konnte man CDs sammeln, Musik hören und sich über Musik austauschen. Außerdem war ich viel auf Konzerten, mitunter einmal pro Woche, ich bin ein großer Musikfan.

Nach dem Abitur studierte ich an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Nach dem Studium kam ich wieder zurück nach Rostock, studierte dann aber noch einmal in Seoul in Südkorea. Ich lernte schon früh meinen jetzigen Mann kennen, der Rostock liebt und sehr heimatverbunden ist. Er wohnt auch sehr gern in Lütten Klein, vor allem wegen des Kinos. Zuerst haben wir in der Innenstadt gewohnt, aber dann brauchte meine Omi mehr Hilfe. Meine Mutti und wir teilten uns die Betreuung. Aus diesem Grund zogen wir zurück nach Lütten Klein. Leider ist meine Omi vor ein paar Jahren gestorben, aber meine Mutter, meine Schwiegereltern sowie Onkel und Tanten wohnen in unserer Nähe. So können wir uns alle auch gegenseitig unterstützen, falls etwas sein sollte. Ich mag das sehr gerne, wenn die Familie so zusammenhält. So bin ich auch erzogen. Ich wohne sehr gern in Lütten Klein. Selbst wenn ich deutlich mehr verdienen würde, würde ich in Lütten Klein wohnen bleiben. Wir haben uns sehr bewusst dafür entschieden und den Stadtteil lieben gelernt.

Lütten Klein ist mit Straßenbahn und S-Bahn wirklich sehr gut angebunden. Selbst mit dem Fahrrad ist man in zehn Minuten am Strand. Der Stadtteil ist grün und wir sind sehr gern im Fischerdorf oder laufen nach Schmarl, runter ans Warnowufer.

Natürlich gibt es hier ein paar Plätze, die ein bisschen vermüllt sind, aber insgesamt finde ich Lütten Klein sehr vorzeigbar, beispielsweise verglichen mit der KTV. Lütten Klein ist definitiv besser als sein Ruf. Zu DDR-Zeiten wollten alle in die Neubaugebiete ziehen, da war der Altbau die schlechtere Wohngegend. Meine Mutti war begeistert davon, dass dort damals Menschen aller Berufsgruppen wohnten, unabhängig vom Status. Da gab es keine wahrgenommene Segregation oder etwas vergleichbares. Erst nach der Wende waren immer mehr Leute der Meinung, dass Plattenbauten für die sozial Benachteiligten bestimmt seien, die Innenstadt für die Reichen. Irgendwann kam dann sogar das Gerede vom „Ghetto“ auf, auch in meiner Generation wurden die Randgebiete von Außenstehenden so bezeichnet. Das ist so ein Unsinn, aber das hält sich leider bis heute. Viele aus der Innenstadt waren noch nie hier. Die, die den Weg zu uns finden, sind dann überrascht, wie grün und gepflegt es hier ist.

Diese Situation ist einer der Gründe, warum ich mich im Lütten Kleiner Ortsbeirat engagiere. Anlass war eigentlich mein Anliegen, den Gehweg in der Helsinkier Straße zu sanieren. Meine Omi hatte damals starke Probleme, mit dem Rollator dort entlangzugehen. Diese Sanierung ist bis heute mein Herzensprojekt. Sie ist ein komplexes Vorhaben, weil so viele Akteure (Wohnungsgenossenschaften, Tiefbauamt) daran beteiligt sind und keiner den ersten Schritt machen möchte oder kann. Man braucht einen langen Atem und muss an der Sache dranbleiben. Wenn ich aus dem Fenster gucke, sehe ich nicht nur ältere Leute mit Rollatoren, sondern auch Leute mit Kinderwagen oder Menschen, die mit dem Stock oder Rollstuhl unterwegs sind. Ich finde es wichtig, dass man sie nicht in ihrer Lebensqualität einschränkt.

Inzwischen gibt es auch in Lütten Klein die großen Aufräumaktionen von „Rostock Müllfrei“. Ergänzend dazu machen wir von der AG Nordwest monatliche Reinigungsaktionen. Da stoßen dann auch gerne Menschen aus dem Stadtteil dazu, die man noch gar nicht kennt. Sie stört der viele Müll an einigen Orten, vor allem auf den Parkplätzen könnte man eigentlich jede Woche aufräumen. Natürlich ist es in anderen Stadtteilen oder Städten deutlich schlimmer, aber ich finde, wir können selbst dafür sorgen, dass es schön bei uns bleibt. Gleichzeitig gibt es inzwischen bei vielen eine Haltung im Sinne von: „Wieso soll ich anderer Leute Dreck wegmachen?“ Aber wenn jeder so denkt, dann passiert gar nichts. Du kannst nur proaktiv die Welt verändern, nicht passiv. Deshalb ist uns die AG Nordwest so wichtig. In der Bürgerschaft wird viel über die Innenstadtgebiete und Warnemünde gesprochen, die Randgebiete gehen dabei gefühlt unter. Gleichzeitig wohnen dort die meisten Menschen in Rostock. Ich möchte mich für meine Heimat, meine Nachbarschaft einsetzen. Lütten Klein hat das auch verdient. Dank der engagierten Initiative unseres Stadtteilbegegnungszentrums IN VIA habe ich so viele liebe Leute kennengelernt, die sich auch so auf vielfältige Art und Weise engagieren – das braucht mehr Sichtbarkeit. Deswegen möchte ich auch bei der Stadtteilzeitung helfen, weil ich es wichtig finde, sich für die Nachbarschaft einzusetzen. Veränderungen gehen immer im Kleinen los. Man muss positiv in die Welt schauen und Teil der Veränderung sein, sonst passiert nichts.

Ich kenne in Lütten Klein noch viele Leute von früher. Sie leben hier, seit ich denken kann. Ich sehe auch öfter mal Schulkamerad*innen aus anderen Klassen oder anderen Schulen. Die Freundinnen aus meiner Schulzeit sind für die Ausbildung weggegangen, die kommen jetzt alle zurück. Aber viele wohnen im Umland, weil es in Rostock wenig freie Wohnungen gibt.


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