@Tom (Redaktion "Stadtgespräche") .
. 02. Sep 2026
Als wir Ende September 1979 mit unseren drei Kindern nach Lütten Klein zogen, begann für uns ein neuer Lebensabschnitt. Die Wohnung hatten wir über einen Tausch bekommen. Für uns als junge Familie war das Wohngebiet ideal: Es gab Schulen, Kindergärten, Einkaufsmöglichkeiten und kurze Wege – Lütten Klein hatte einfach alles, was man aus unserer Sicht brauchte. Dazu gehörte auch die Mehrzweckhalle und darin das „Riga“ als Treffpunkt für das gesellschaftliche Leben. Sie war Schülerspeisung, Gaststätte und Veranstaltungsort zugleich. Die Kaufhalle war nicht weit von der Wohnung entfernt, so dass man den Einkauf zu Fuß erledigen konnte. Ebenfalls in direkter Nähe lag das Dienstleistungszentrum, mit Post, Friseur, Reparaturstützpunkt, Fotograf und vielen weiteren Angeboten. Die Schulkomplexe mit den POS und EOS, die Kindergartenkombis und die Sporthalle mit Sportplätzen waren für die Kinder sicher und schnell erreichbar. Ein funktionierender Nahverkehr und die „Allende- Poliklinik“ trugen zur Lebensqualität bei. Man konnte auch im „Magnet“ einkaufen und ins Kino gehen - so musste man nur selten die Fahrt ins Stadtzentrum antreten.
Die Wege zur Arbeit und zur Kinderbetreuung waren für mich, Margitta, kurz. Die Kombi 10 bzw. die Kita „Kopenhagener Straße“ konnte man gut zu Fuß oder mit dem Rad erreichen. Nach der Wende war die Kita „Usedomer Straße“ meine neue Arbeitsstätte. Sie befand sich gegenüber unserer Wohnung.
Bis heute schätzen wir besonders die Ruhe und das viele Grün im Stadtteil. Wenn man morgens von Vogelgezwitscher geweckt wird, fühlt man sich nah an der Natur. Unsere Kinder, insbesondere unser Sohn, sagen immer wieder: „Ihr wisst gar nicht, wie schön ihr es habt.“ Schön sind auch die großzügigen Abstände zwischen den Häusern. Der Stadtteil sieht in vielen Ecken gepflegt aus, hat aber auch einige versteckte Schmuddelecken. Ein weiteres, großes Ärgernis ist der Zustand der Geh- und Radwege.
Ich, Hans-Jürgen, stamme, ursprünglich aus der Nähe von Demmin. Als siebtes von zehn Kindern einer Flüchtlingsfamilie musste ich schon früh Verantwortung übernehmen – bereits als 14jähriger, Mitte der 1960er Jahre. Es war nicht einfach, die Schule und die Unterstützung zuhause unter einen Hut zu bringen: Haus, Hof und Garten, die Versorgung der Tiere. Trotz gesundheitlicher Probleme schaffte ich die 10. Klasse mit guten Zensuren. Die zweijährige Lehrausbildung absolvierte ich im weit entfernten Erzgebirge – das war eine prägende und wichtige Zeit. Danach arbeitete ich dann auf der Warnowwerft Rostock, durfte aber auch nochmal studieren: ein Ökonomiestudium an der Uni Rostock, das ich als Diplomingenieur abschloss.
Meine soziale Herkunft motivierte mich zu viel gesellschaftlichem und ehrenamtlichem Engagement – unter anderem im Wohngebietsausschuss der Nationalen Front. Meine Frau und ich setzten uns gemeinsam mit anderen Bewohnerinnen und Bewohnern für ein funktionierendes und lebenswertes Umfeld ein, organisierten Wohngebietsfeste, Frühjahrs- und Herbstputze und Veranstaltungen für Kinder. Wir wollten immer etwas bewegen. Diese Erfahrungen war auch einer der Gründe, warum ich bis heute ohne Unterbrechung ehrenamtlich im Ortsbeirat Lütten Klein mitwirke – auch in Phasen, in denen es mir gesundheitlich nicht so gut ging.
Besonders wichtig war uns auch unser Kleingarten in der Kopenhagener Anlage. Den Bungalow auf dem Gartengrundstück bauten wir gemeinsam mit Freunden auf, vieles entstand in Eigenarbeit. Es gab nicht alles in der DDR, aber es gab Freundschaft, daran erinnere ich mich gut. Gegenseitige Hilfe und Zusammenhalt haben damals den Alltag geprägt. Der Garten lieferte Obst und Gemüse, war Erholung und Ruhepunkt, auch für die Kinder.
Nach der Wende verlor ich zunächst meine Arbeit. Nach einer erfolgreichen, anderthalbjährigen Umschulung pendelte ich ab 1995 siebzehn Jahre lang täglich nach Schwerin, wo ich als IT-Mitarbeiter tätig war. Doch oft war der Tag nach dem langen Arbeitstag und der Fahrzeit noch nicht zu Ende: Ich war oft noch bis spätabends und am Wochenende als Lohnsteuerberater in einem Lohnsteuerhilfeverein tätig, um meine Familie finanziell zu unterstützen: Die beiden Mädchen studierten, ihr BAföG war gering. Vor zwölf Jahren ging ich dann aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in Rente. Aber auch da blieben wir, wie wir waren und bringen uns vielfältig ins gesellschaftliche Leben im Stadtteil ein. So helfe ich, Hans-Jürgen, als „digitaler Lotse“ im Mehrgenerationenhaus älteren Menschen, mit der modernen Technik zurechtzukommen. Bei uns gilt das Motto: Wer rastet, der rostet. Wir sind also eher im sogenannten Unruhestand.
Als 2015 viele Geflüchtete nach Lütten Klein kamen, halfen wir ihnen gemeinsam mit vielen Helfern aus Rostock spontan, das neue Leben und die damit verbundenen Anforderungen zu meistern. Bis heute gibt es viele herzliche, dankbare Kontakte, vor allem zu einer jungen Familie. Es freut uns sehr, dass sie sich in Lütten Klein eingelebt haben und ihr Leben bemerkenswert meistern. Sie brauchen schon lange keine staatlichen Hilfen mehr. Ihre Kinder wachsen behütet und gesund auf. Wir sind stolz und glücklich, dazu etwas beigetragen zu haben.
Ich, Margitta, gebe gemeinsam mit vielen hauptberuflichen und ehrenamtlichen Helfern Kurse für geflüchtete Frauen im Mehrgenerationenhaus Lütten Klein – auch hier spüren wir große Dankbarkeit und Verbundenheit.
Insgesamt hat sich hier im Stadtteil viel zum Besseren und Lebenswerteren entwickelt, beispielsweise der Nahverkehr: mit Bus und Straßenbahn kommt man schnell in alle anderen Stadtteile. Und wir haben hier auch noch den Warnowpark mit den vielfältigen Shops. Er hat sich dank eines rührigen Geschäftscenter-Managers gut entwickelt. Es gibt den Boulevard mit Markt, Kino, ärztlichen Einrichtungen, Apotheken, Restaurants, Bäckereien, Cafés, Banken sowie Bildungs- und Freizeiteinrichten. Was uns fehlt ist die Postfiliale. Besonders unsere älteren Mitbewohner haben Schwierigkeiten mit dem Paketversand und der Abholung. So kann sich die Post nicht einfach von ihrer Daseinsvorsorge wegstehlen. Dies war mehrfach Gegenstand im Ortsbeirat.
Bis heute fühlen wir uns eng mit Lütten Klein verbunden. Wegziehen wollten wir nie. Für uns ist der Stadtteil nicht nur ein Wohnort, sondern ein Zuhause, geprägt von Gemeinschaft, Engagement und vielen Erinnerungen. Der Mix macht Lütten Klein liebens- und lebenswert.





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